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Entscheidende Wochen für Marco Odermatt

Es ist ein historisches Beben, das derzeit durch die alpine Skiwelt Alpen donnert. Marco Odermatt ist nicht mehr nur ein Dominator; er ist dabei, die Messlatte für "Grösse" in Regionen zu verschieben, die man im modernen Skisport für unerreichbar hielt. Was wir diesen Winter erleben, ist die Fortsetzung einer Ära, die bereits jetzt alle Rekorde sprengt.


Das Triple des Unmöglichen: Vier Kugeln als Standard

Dass Marco Odermatt in diesem Winter erneut nach vier Kristallkugeln greift (Gesamtweltcup, Abfahrt, Super-G und Riesenslalom), ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er dieses Kunststück bereits in den letzten beiden Saisons vollbracht hat. Damit hat er eine Konstanz bewiesen, die selbst die grössten Legenden in den Schatten stellt.

Der erste Mann, der sich vier Kristallkugeln in einer Saison sichern konnte, war der legendäre Jean-Claude Killy im Jahr 1967. Pirmin Zurbriggen gelang dieses seltene Kunststück 1986/87, während Hermann Maier in der Saison 2000/01 der dritte Mann gewesen ist, der sich über vier Kristallkugeln in einem Winter freuen durfte. 

Marco Odermatt avancierte dann zum ersten männlichen Skifahrer, der es sogar in zwei Saisons schaffte, je viermal Kristall mit nach Hause nehmen zu können. Dass er dies nun zum dritten Mal in Folge anpeilt, hebt ihn auf eine Stufe der Dominanz, die selbst bei den Frauen unerreicht ist. 

Lindsey Vonn hat es zu ihren absoluten Glanzzeiten in zwei verschiedenen Saisons geschafft, vier Kristallkugeln zu holen. Die legendäre Annemarie Moser-Pröll (AUT) und Mikaela Shiffrin, für viele die beste Skifahrerin aller Zeiten, eroberten beide in einem Winter vier Kristallkugeln. Selbiges gilt auch für Tina Maze.

 

Der Herr der Abfahrt

Als Abfahrtsweltmeister von 2023 und zweifacher Gewinner der kleinen Abfahrtskugel hat er sich fest als der Mann etabliert, den es in der Königsdisziplin zu schlagen gilt, auch wenn es ihm in den jüngsten beiden Grossereignissen (WM 2025 und Olympia 2026) nicht für eine Abfahrtsmedaille gereicht hat. Er hat das Kunststück vollbracht, die technische Finesse des Riesenslaloms mit der furchtlosen Linie eines reinen Speed-Spezialisten zu kreuzen - eine Evolution des Skifahrers, die es so vielleicht noch nie gegeben hat.

In der Abfahrtswertung liegt er komfortabel in Führung und er peilt seine bereits dritte kleine Kugel in dieser Disziplin an. Damit würde er mit Michael Walchhofer (AUT), Franz Heinzer (SUI), Stephan Eberharter (AUT) und Luc Alphand (FRA) gleichziehen. Mit je vier Abfahrtskugeln lägen dann nur noch Didier Cuche und Beat Feuz vor ihm, während Franz Klammer (AUT) den Rekord bei den Männern mit fünf Abfahrtskugeln hält. Selbst diese Marke ist für Odermatt, der mit seinen 28 Jahren noch einige gute Jahre vor sich hat, alles andere als utopisch.


Die drei Männer mit den meisten Abfahrtskugeln:

1.    Franz Klammer (AUT) - 5
2.    Beat Feuz und Didier Cuche (beide SUI) - je 4

Ein netter Schweizer Nebeneffekt ist, dass die Schweiz in Bezug auf die Abfahrtskristallkugeln bei den Männern mit den Österreichern gleichziehen wird. Derzeit hat Ski Austria die Nase mit 23 vs. 22 noch knapp vorn.


Im Super-G zittern Svindal und Maier

Im Super-G sieht ebenfalls vieles danach aus, dass Marco Odermatt Ende dieses Winters seine bereits vierte kleine Kristallkugel in dieser Disziplin entgegennehmen darf. Damit würde er zu Pirmin Zurbriggen aufschliessen und er hätte nur noch Hermann Maier (AUT) sowie Aksel Lund Svindal (NOR) vor sich. Die beiden gewannen in ihren glorreichen Karrieren je fünf Super-G-Kristallkugeln.
Die beiden werden ob der Stärke und Dominanz von Odermatt gehörig um ihren aktuellen Rekord zittern. Schliesslich ist derzeit kaum vorstellbar, dass Marco Odermatt in Zukunft an seiner Klasse einbüssen wird, immer vorausgesetzt, dass er gesund bleibt.

Die drei Männer mit den meisten Super-G-Kugeln:

1.    Hermann Maier (AUT) und Aksel Svindal (NOR) - je 5
2.    Pirmin Zurbriggen (SUI) – 4


Im Riesenslalom sitzt Stenmark (noch) fest im Sattel

In der Disziplin, in welcher Odermatt als erstes den absoluten Durchbruch schaffte, steht der 28-Jährige bereits vor seinem fünften Kugelgewinn in Serie. Seit der Saison 2021/22 gehörte die kleine Kristallkugel im Riesenslalom immer dem Schweizer Ausnahmekönner, und mit einer fünften Auszeichnung würde er neu zum alleinigen Schweizer Rekordgewinner avancieren. Derzeit teilt er sich diesen noch mit Michael von Grünigen.

Dank seiner voraussichtlich fünften kleinen Riesenslalom-Kugel würde er zu Ted Ligety aufschliessen und er hätte mit Marcel Hirscher (6) und Ingemar Stenmark (7) nur noch zwei vor sich. Den Allzeitrekord des legendären Schweden könnte Odermatt frühestens in der Saison 2027/28 egalisieren.

 

Die drei Männer mit den meisten Riesenslalom-Kugeln:

1.    Ingemar Stenmark (SWE) - 7
2.    Marcel Hirscher (AUT) - 6
3.    Ted Ligety (USA) – 5

 

Marco Odermatt auf dem Weg, der erfolgreichste Schweizer Skifahrer aller Zeiten zu werden

In der ewigen Bestenliste der Schweiz war Pirmin Zurbriggen mit seinen beeindruckenden 15 Kristallkugeln (4 Gesamt, 2 Abfahrt, 4 Super-G, 3 Riesenslalom, 2 Kombination) lange das Mass aller Dinge. Doch Odermatt rüttelt gewaltig an diesem Thron.

Sollte er diesen Winter tatsächlich seine Kugeln 14, 15, 16 und 17 einfahren, würde er Zurbriggen nicht nur überholen, sondern sich als der erfolgreichste Schweizer Skifahrer aller Zeiten zementieren. Er würde in dem Fall auch Hermann Maier (14) und Marc Girardelli (15) überflügeln und sich bei den Männern aufs Podest der ewigen Bestenliste setzen. 
Mit dann 17 Kugeln stünde er nur noch hinter den absoluten Giganten des Sports: Ingemar Stenmark (18) und Marcel Hirscher (20).

 

Das aktuelle Männerpodest anhand der Anzahl gewonnener Kristallkugeln:

1.    Marcel Hirscher (AUT) - 20
2.    Ingemar Stenmark (SWE) - 18
3.    Marc Girardelli (LUX) und Pirmin Zurbriggen (SUI) - je 15


Historische Einordnung: Auf dem Weg zur absoluten Nummer 1
Was Marco Odermatt von Ingemar Stenmark und Marcel Hirscher unterscheidet, ist die Breite seines Erfolgs. Während Stenmark und Hirscher ihre beeindruckenden Zahlen fast ausschliesslich in den technischen Disziplinen Slalom und Riesenslalom anhäuften, ist Odermatt ein Phänomen über drei Disziplinen hinweg.

Sollte er in diesem Tempo weitermachen, ist es nicht nur wahrscheinlich, dass er Stenmark überholt, sondern auch der Rekord von Marcel Hirscher rückt in greifbare Nähe.

Bezüglich der kleinen Kristallkugeln, wird der Nidwaldner sein Konto bereits in dieser Saison höchstwahrscheinlich auf 12 schrauben, womit er mit Hirscher gleichziehen und den gemeinsamen zweiten Platz hinter Stenmark (15) einnehmen würde.

Mit vier weiteren Kristallkugeln im nächsten Winter könnte er den Österreicher bereits hinter sich lassen und sich zur alleinigen Nummer 1 hieven. Ein realistisches Szenario, denn Odermatt ist erst in seinen besten Jahren und fährt mit einer Leichtigkeit, die vermuten lässt, dass sein Hunger nach Kristall noch lange nicht gestillt ist.

Wir sind Zeugen einer Karriere, die das nationale Erbe von Zurbriggen nimmt und es auf eine globale, allzeitgültige Ebene hebt. Marco Odermatt fährt mittlerweile nicht mehr nur gegen seine Konkurrenten - er fährt gegen die Geschichte.
 

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